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Interview mit Karin Resetarits

1. Wie haben Sie von Mediation erfahren?

Mein Mann, der die TV-Sendung Schauplatz Gericht gestaltet, hat in einer seiner ersten Sendungen über Scheidungen berichtet. Im Rahmen dieser Sendung hat er auch die Mediation angesprochen. Damals waren wir aber noch weit davon entfernt, uns selbst scheiden zu lassen.

2. Welche Überlegungen haben Sie dazu veranlaßt, Mediation in Anspruch zu nehmen?

Ich glaube, es gibt wenige so extreme Einschnitte im Laufe eines zwischenmenschlichen Zusammenlebens wie eine Scheidung. Ich bin der Meinung, daß in Beziehungen die meisten Schwierigkeiten durch zwischenmenschliche Konflikte entstehen, wobei hier die Emotionen und nicht die Vernunft eine große Rolle spielen. So habe ich mir dann überlegt, ob es nicht klüger ist, eine Mediation und zwar eine psychologische Mediation, in Anspruch zu nehmen.

3. Haben Sie versucht, selbst zu einer einvernehmlichen Scheidung zu kommen?

Nein, wir haben gleich Mediation in Anspruch genommen. Meinem Mann und mir war eigentlich klar, daß wir unsere Probleme nicht alleine lösen können. Wir wollten zwar eine einvernehmliche Scheidung, aber die Emotionen waren einfach zu stark, zu intensiv, um uns zusammenzusetzen und zu reden. Es gab zu viele “Nicht-Vernunft-Elemente”, sodaß uns professionelle Hilfe notwendig erschien. Immer wenn ein Problem in der Partnerschaft auftaucht, hat man das Gefühl, sich gleichzeitig verteidigen und angreifen zu müssen: Man bekommt vom Partner einen Vorwurf, verteidigt sich, und startet einen Gegenvorwurf, die Situation eskaliert, es kommt zu einem Streit. Diese Art miteinander umzugehen kann allerdings nie zu einer einvernehmlichen Einigung führen. Es bedarf dann schon eines objektiven und geschulten Zuhörers, der dieses Kommunikationverhalten erkennen und auch gegensteuern kann. Freunde - so glaube ich, darf man mit Partnerschaftskonflikten oder Scheidungsabsichten nicht belasten, da sie zwischen zwei sich trennenden Partnern stehen würden. Diese Belastung kann für Freundschaften nicht gut sein. Deswegen sollte man sich mit Partnerschaftskonflikten an professionelle Personen wenden, die man nicht kennt und die aufgrund ihrer Ausbildung objektiv sein können.

4. Gibt es für Sie einen geeigneten Zeitpunkt, sich professionelle Hilfe zu suchen?

Zuerst würde ich versuchen, alleine eine einvernehmliche Scheidung zu erzielen. Wenn man merkt, daß man auf keinen grünen Zweig kommt und sofort zu streiten beginnt, würde ich schon lieber eine Mediation in Anspruch nehmen. Mit Hilfe einer Mediation eine einvernehmliche Scheidung zu erzielen, kostet viel weniger, als über einen Rechtsanwalt eine nicht einvernehmliche Scheidung durchführen zu lassen.

5. Was verstehen Sie mit Ihren eigenen Worten unter Mediation?

Eine Mediation ist für mich ein Verfahren, in dessen Rahmen zwei Menschen ein Problem miteinander lösen möchten, und dabei jemanden dritten mit einer entsprechenden Ausbildung hinzuziehen, der aufgrund seiner Objektivität das Gespräch immer wieder auf eine friedliche, vernünftige Bahn lenken kann.

6. Welchen Zweck soll Mediation Ihrer Meinung nach erfüllen?

Mediatoren müssen die Kommunikationsmuster der Partner erkennen und ansprechen. Damit meine ich, daß Menschen, die sich scheiden lassen wollen in dieser angespannten, emotionalen Situation Dinge nicht direkt aussprechen, verdrängen oder verschleiern. Eine Mediation funktioniert umso effizienter, je besser der Dritte (der Außenstehende) zuhören kann, Probleme erkennen und diese sofort richtig interpretieren kann.

7. Wodurch unterscheidet sich Mediation Ihrer Meinung nach von anderen “streitschlichtenden” Maßnahmen, wie Prozessen mit richterlichen Entscheidungen?

Ich habe noch nie einen Prozeß geführt, glaube aber, daß bei einer Mediation das Gefühl wegfällt, daß sich jemand an dem Streit eines anderen bereichern möchte: Unsere Mediatoren waren daran interessiert, den Streit nicht unnötig hinauszuzögern, sondern unsere Verhandlungen in einer absehbaren Zeit erfolgreich abzuschließen. Im Gegensatz dazu habe ich oft das Gefühl, daß bei einer Gerichtsverhandlung Anwälte auf Kosten der Streitenden viel Geld verdienen: je höher der Streitwert, desto besser für den Anwalt, da er mehr verdienen kann.

8. Sowohl bei gerichtlichen Verfahren als auch bei Mediationen wird u.a. darüber verhandelt, was jeder Partei ”zusteht”. Wie wird in der Mediation damit umgegangen, wie bei Gerichtsprozessen? Wo sehen Sie Unterschiede?

Es war auffallend, daß die Mediatoren auf Aussagen von uns, wie z.B. “ein bestimmter Prozentsatz bezogen auf die eheliche Wohnung steht mir zu”, nie eingegangen sind. Die Mediatoren haben versucht herauszufinden, warum wir glauben, daß uns dieser Teil zusteht. Sie hinterfragten vielmehr die Beweggründe für eine bestimmte Aussage - ob wir uns ungerecht behandelt fühlten, ob verletzte Gefühle im Spiel sind oder ob man den anderen mit dieser Forderung treffen möchte. Wenn man sich auf das Erforschen der Beweggründe einläßt, dann versteht man plötzlich, warum der andere etwas Bestimmtes möchte, man ist dann auch eher bereit, es zu geben. Ich kann mir nicht vorstellen, daß diese Vorgehensweise bei einer Gerichtsverhandlung möglich ist, denn dann würden die Prozesse noch länger dauern, als dies schon der Fall ist.

9. Was hat sie an diesem Verhandlungsverfahren besonders angesprochen?

Ein geschulter Mensch kann Dinge, die man vielleicht vor sich selbst verschleiert, oder vor dem anderen verschleiern möchte, Mißverständnisse, etc. erkennen und analysieren. Die Mediatoren haben auch immer wieder versucht, Lösungsvorschläge anzubieten. Bei uns war das eher auf der psychologischen Ebene. Es gibt auch die Mediation durch Juristen, die sich dann eher auf die gesetzliche Ebene konzentrieren, das war aber bei uns nicht so sehr der Streitpunkt.

10. Welche Befürchtungen hatten Sie, bevor Sie sich auf dieses Verfahren eingelassen haben?

Es gab eigentlich keine Befürchtungen. Für alles, was auf einer psychologischen Ebene abläuft, bin ich total aufgeschlossen. Ich würde auch jede Form von Therapie in Anspruch nehmen, wenn ich das Gefühl habe, daß ich sie brauche.

11. Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach der Mediator?

Der Mediator ist derjenige, der ohne falsche Gefühle (objektiv) in mein Gefühlsleben eintauchen kann, ohne daß er irgendeinen Nutzen davon hat oder mich beeinflussen möchte. Er kann sich wirklich als objektive Person mit meiner Gefühlswelt auseinandersetzen.

Das ist also auch eine zentrale Eigenschaft eines Mediators?

Ja.

12. Welche Eigenschaften muß ein Mediator Ihrer Meinung nach unbedingt noch besitzen, um glaubwürdig zu sein?

Der Mediator muß möglichst objektiv bleiben, d.h., ich darf nicht das Gefühl bekommen, daß er Partei ergreift. Weiters muß er gut zuhören und analysieren können.

13. Wie sind Ihre Erfahrungen mit Mediation, nachdem Sie selbst an einer solchen teilgenommen haben?

Es gab immer wieder Situationen, wo wir uns - entweder mein Mann oder ich - verrannt haben und wo wir gedacht haben, da kommen wir sicherlich nicht mehr raus, da kann es niemals einen Kompromiß geben. In solchen Situationen haben uns die Mediatoren Aufgaben gestellt, die geholfen haben, doch wieder aus dieser Sackgasse herauszufinden. Eine Aufgabe war z.B. folgende: wir sollten fünf Eigenschaften anführen, die wir am anderen geschätzt haben, oder noch immer schätzen. Mit solchen Überlegungen möchte man sich in einer Trennungssituation eigentlich nicht mehr befassen, man ist ja immer damit beschäftigt, Argumente gegen den anderen zu finden. Die Aufgabe war so eine Art Umkehr. Wir mußten uns hinsetzen und intensiv nachdenken. Es fällt einem sicherlich nicht sehr leicht, fünf Eigenschaften des anderen zu finden, die einem noch immer positiv erscheinen. Hat diese Aufgabe etwas bei Ihnen bewirkt? Mir ist schon aufgefallen, daß man in so einer Situation eigentlich immer dazu tendiert, negativ zu denken. Man will eigentlich nur noch die schlechten Seiten am Anderen sehen, weil man ja auch vor sich begründen möchte, warum es überhaupt zu einer Scheidung kommt. Man will ja die Notwendigkeit einer Scheidung rechtfertigen - und dann fallen einem nur schlechte Dinge ein. Die Aufgabe hat bewirkt, daß ich schon wieder sensibler, offener und positiver geworden bin für den Anderen. Das finde ich prinzipiell gut.

14. Sind Sie mit dem Ergebnis ihrer Mediation zufrieden?

Mit der Mediation und mit dem Ergebnis bin ich zufrieden. Wir wollten ja unbedingt die gemeinsame Obsorge und haben uns in der Mediation auch sehr lange damit beschäftigt.

15. Wie standen ihre Rechtsanwälte zur Mediation?

Gut. Mein Rechtsanwalt sehr gut, er macht auch selbst Mediationen, der Anwalt meines Mannes neugierig. Die Rechtsanwälte haben die Funktion von Beratungsanwälten gehabt, d.h. die sind Ihnen rechtlich zur Seite gestanden? Ja, immer wenn es ein rechtliches Problem gegeben hat, worüber die Psychologen natürlich nicht so viel wußten, haben wir bei unseren Anwälten nachgefragt, ob das geht und ob das vorstellbar ist. Sie haben uns zwar immer wieder darauf hingewiesen, daß die gemeinsame Obsorge nicht möglich ist, aber sie haben dann gesagt, wir sollen es trotzdem probieren, da sie ja kommen soll.

16. Aus welchen Gründen würden Sie diese Form der Verhandlung weiterempfehlen?

Weil die Mediation sicherlich die kostengünstigste Variante ist und auch zu einer positiven Bilanz geführt hat. Wenn wir die Scheidung mit Rechtsanwälten durchgeführt hätten, dann wäre es sicher um vieles teurer geworden. Die Mediationssitzungen haben für uns 9 mal ATS 2200.- gekostet. Dieses Geld ist ja bei einem Rechtsanwalt sofort ausgegeben. Die Mediation war noch dazu ein Verfahren, das uns und unseren Wünschen mehr entgegengekommen ist.

17. Haben Ihre Kinder eine besondere Rolle in der Mediation gespielt?

Die Hauptrolle. Die Frage für uns war, wie wir am Besten vorgehen, damit die Scheidung für die Kinder ein bewältigbarer Einschnitt in ihrem Leben wird und sie nicht so sehr darunter leiden. Wir haben immer versucht, diesbezüglich Rücksicht zu nehmen, und Möglichkeiten auszuarbeiten, um das auch umzusetzen. Dabei waren die Psychologen sehr hilfreich. Die Mediatoren haben uns von Anfang an immer wieder eingebleut, daß wir vor den Kindern ja keine Auseinandersetzung führen sollen, weil das für die Kinder belastend ist. Sie wissen natürlich nicht, wie sie sich dazu stellen sollen. Wenn wir einen Konflikt hätten, sollten wir sie besser anrufen, öfter kommen oder auf den nächsten Termin warten. Es ist sehr tröstlich zu wissen, daß übermorgen der nächste Mediationstermin ist, sodaß wir jetzt nicht darüber reden müssen. Wir heben uns den Konflikt für die Sitzung auf, um die Meinungsverschiedenheit vor den Mediatoren auszutragen.

18. Wo sind Ihrer Meinung nach die Grenzen eines Mediationsverfahren bzw. was kann Ihrer Meinung nach ein Mediationsverfahren nicht?

Die Mediation ist offen für alles, da sehe ich überhaupt keine Grenzen. Die Grenzen liegen in unserem Rechtsstaat, eben die Scheidung betreffend. Ich finde (und das ist auch ein Grund, warum ich nicht mehr heiraten würde), daß sich der Staat viel zu sehr mit Gesetzen in eine Ehe einmischt. So ist es ja derzeit nicht möglich, sich scheiden zu lassen, wenn man die gemeinsame Obsorge möchte.

19. Wie war das Setting?

Zwei Psychologen, ein Mann und eine Frau, Ende 30, Anfang 40, die zusammenleben und auch Kinder haben.

20. Nach welchen Kriterien haben sie die Auswahl des Mediatorenteams getroffen?

Über meinen Anwalt. Mein Anwalt hat gesagt, wir sollen uns an die beiden wenden, er kennt sie und findet sie sehr gut und er glaubt, daß sie gut zu uns passen würden.

21. Wie sehen Sie die Rolle des Mannes bezüglich Kindesunterhalt und Obsorge im heutigen Rechtssystem?

Ich würde sagen, daß der Ruf völlig zu recht laut wird - und ich habe es mit meinem Mann auch so gelebt - , daß die Männer sich mehr engagieren sollen. D.h., daß sie den Frauen mehr helfen sollen, weil diese eben auch berufstätig sind. Die Männer sollen auch den Haushalt und die Kindererziehung mit ihnen teilen. Die Männer sollen sich nicht nur als Wochenendväter zur Verfügung stellen, sondern von Anfang an aktiv dabei sein, 50:50 heißt es immer. Wenn man das verlangt von den Männern- zu Recht, wie ich finde -, dann muß man ihnen aber auch zubilligen, daß sie im Falle einer Scheidung nicht als "die Zahler" oder als “Melkkühe” dastehen. Da ist dann plötzlich nichts mehr mit 50:50. Da heißt es dann plötzlich: alle 14 Tage kannst Du die Kinder sehen, von Samstag bis Sonntag. Sonst habe ich nur mehr über ein Konto mit Dir Kontakt, wo ich mir das Geld abhole, das du mir jedes Monat für die Kinder überweist. Das kann es nicht sein. Man kann nicht auf der einen Seite erwarten, daß die Männer immer aufgeschlossener werden und auf der anderen Seite den Männern nicht dieselben Rechte zugestehen wie den Frauen.
Ich glaube, daß dieses Ungleichgewicht negativ für den Mann und für die Kinder ist, weil die Beziehung darunter leidet. Denn was soll das für eine Beziehung sein, wenn der Mann die Kinder nur alle 14 Tage sieht. Es findet dann eine Entfremdung statt. Der Vater fühlt sich wahrscheinlich automatisch ausgenutzt, ungerecht behandelt, und dementsprechend wird er auch auf seine Familie reagieren.

22. Warum glauben Sie, daß es gerade bei Scheidungen zu Eskalationen sprich ”Rosenkrieg” kommen kann?

Weil man in einer Trennungssituation dem Partner zu drohen beginnt: “Aber gesetzlich steht mir das und das zu, und wenn du das nicht machst, dann gehe ich zum Richter und dann werde ich mir das holen”. In einer aufrechten Ehe oder Beziehung würde man nie so miteinander umgehen. Für jeden Menschen ist es eine bedrohliche Situation, wenn man vor den Richter gezerrt wird, v.a. von einem Menschen, den man irgenwann einmal sehr geliebt hat. In einer Mediation lernt man, daß es vor allem um die menschlichen Komponenten geht, um das, was hinter den Forderungen und Drohungen steht. Der gesetzliche Aspekt ist nebensächlich.

23. Was raten Sie Personen, die vor einem Konflikt, einer Trennung oder einer Scheidung stehen?

Ich würde auf jeden Fall zu einer Mediation raten, weil man ohne professionelle Hilfe sehr schnell in einen sogenannten “Rosenkrieg” kippen kann. Wenn mein Mann und ich Mediation nicht in Anspruch genommen hätten, wäre es wahrscheinlich auch so weit gekommen. Man kann aufgrund verletzter Gefühle einfach nicht mehr vernünftig argumentieren. Einmalige Konflikte können verarbeitet und auch wieder vergessen werden. Wenn Konflikte allerdings über Wochen und Monate immer wieder ausbrechen, dann eskaliert die Situation. Dann tut man oft Dinge, die man zwar bereut, aber man hat eben nicht die Stärke, dem anderen den Fehler einzugestehen. So schaufelt man sich immer tiefer in diese Situation hinein.

Vielen Dank für dieses Gespräch.