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Interview mit Peter Resetarits

1. Wie haben Sie von Mediation erfahren?

Beruflich. Ich habe 1997 eine Sendung für `Schauplatz Gericht´ gemacht, in der ich einer streitigen Scheidung mit jahrelangem Rechtsstreit ein Ehepaar, das Mediation in Anspruch genommen hat, gegenübergestellt habe. Im Fall der streitigen Scheidung mußte aufgrund der Prozeßkosten das Haus verkauft werden, die Kinder waren in psychotherapeutischer Behandlung. Das Scheidungsverfahren dauerte jahrelang, die Ehepartner wurden zu Feinden. Damals gab es einen Modellversuch im Bezirksgericht-Floridsdorf, wo wir ein Ehepaar gefeatured haben, das mit Hilfe einer Mediation so auseinandergegangen ist, daß sich die Partner auch nach der Scheidung noch in die Augen schauen konnten. Wir haben zusätzlich Interviews mit Juristen, Psychologen und ausgebildeten Mediatoren durchgeführt. Ich bin also beruflich auf Mediation gestoßen, ohne zu wissen, daß mich dieses Thema privat auch einmal betreffen könnte.

2. Welche Überlegungen haben Sie dazu veranlaßt, Mediation in Anspruch zu nehmen?

Für uns war die Trennung unvermeidlich. Nachdem unsere Beziehung sehr konfliktbeladen war, haben wir uns überlegt, wie wir uns trennen könnten, ohne mit Rechtsanwälten aufeinander loszugehen. Wie schon gesagt, habe ich damals von der Mediation gewußt, habe das Karin erzählt, und sie hat es dann übernommen, über ihren Anwalt Mediatoren ausfindig zu machen. Dort sind wir dann auch hingegangen.

3. Haben Sie versucht, selbst zu einer einvernehmlichen Scheidung zu kommen?

Wir haben es versucht, aber es ist sehr schwierig gewesen. Ich glaube, daß es in so einer belastenden Situation einfacher ist, miteinander zu reden, wenn ein unbeteiligter Dritter dabeisitzt. Wahrscheinlich muß diese Person gar kein Mediator sein. Außerdem ist es klug, wenn ein Dritter da ist, der ein Gespräch strukturiert, so daß man sich nicht auf irgend ein Thema konzentriert, das vielleicht nebensächlich ist, und sich dadurch vom Hunderdsten ins Tausendste verliert und nicht weiterkommt. Ich glaube auch, daß die Hemmschwelle größer ist, in Gegenwart einer dritten Person ”die Sau rauszulassen”.

4. Gibt es für Sie einen geeigneten Zeitpunkt, sich professionelle Hilfe zu suchen?

In dem Moment, wo irgendwie klar wird, daß man es alleine nicht schafft, und sowieso Dritte eingreifen müssen, ist es für mich sinnvoll, professionelle Hilfe zu suchen. Bevor man sozusagen die Mühlen der Justiz bemüht, sollte man schauen, ob es nicht einen dritten Weg gibt: Alleine schafft man es nicht, die Justiz, sprich Anwalt und Gericht, ist die letzte Möglichkeit. Davor würde ich schauen, ob man z.B. mit Hilfe von Mediation eine Lösung findet. Ein Anwalt steht unter einem ganz anderen Druck als ein Mediator. Wenn man sich einen Anwalt nimmt und dem auch viel Geld zahlt, dann erwartet man schon, daß er was für einen tut, d.h. das Beste für seinen Klienten herausholt. Anwälte, die sehr vergleichsbereit sind, kommen möglicherweise sehr schnell in den Verdacht, den Kompromiß zu weit unten angesetzt zu haben. Sie sind, glaube ich, in einer Zwickmühle.

5. Was verstehen Sie mit Ihren eigenen Worten unter Mediation?

Mediation ist für mich eine Art Konfliktbegleitung, die die Möglichkeit bietet, Konflikte auf eine anständige, seriöse Art und Weise ausdiskutieren zu können.

6. Welchen Zweck soll Mediation Ihrer Meinung nach erfüllen?

Der Zweck einer Mediation ist eine Lösung jener Probleme, die sich durch eine Scheidung ergeben. Das Ziel, das im Rahmen einer Scheidungsmediation erreicht werden kann, würde ich als "saubere Trennung" bezeichnen.

7. Wodurch unterscheidet sich Mediation Ihrer Meinung nach von anderen “streitschlichtenden” Maßnahmen, wie Prozessen mit richterlichen Entscheidungen?

Richter versuchen auch, eine einvernehmliche Scheidung zu erreichen. In der Mediation wird dem Verstehen von Konflikten viel Zeit eingeräumt. Bei Gericht ist dies aus zeitlichen Gründen gar nicht möglich. In der Mediation hat man tatsächlich die Möglichkeit, aufgestaute Konflikte aufzuarbeiten und auf die Wurzeln der Konflikte einzugehen. Mediatoren sind von ihrer Ausbildung her Menschen, die sich mit Psychologie ganz gut auskennen. Dieses Wissen ist in solchen Situationen, wo die Emotionen sehr leicht hoch gehen, sehr wichtig.

8. Sowohl bei gerichtlichen Verfahren als auch bei Mediationen wird u.a. darüber verhandelt, was jeder Partei ”zusteht”. Wie wird in der Mediation damit umgegangen, wie bei Gerichtsprozessen? Wo sehen Sie Unterschiede? Bei gerichtlichen Prozessen, in denen Anwälte konsultiert werden, ist es so, daß der Anwalt von seinem Job und von seiner Arbeitsauffassung her einfach verpflichtet ist, das Beste für seinen Klienten herauszuholen. Die Verhandlungen werden dann oft ein bißchen "basarhaft", es werden z.B. Forderungen um 30% höher angesetzt, als man eigentlich realistischerweise erwarten kann. Der Unterschied zwischen einem Anwalt und einem Mediator ist, daß sich der oder die Mediatoren nicht einer Partei verpflichtet fühlen. Das führt dazu, daß sie nicht konfliktverschärfend eingreifen. Das Ziel ist ja, eine gemeinsame Lösung zu finden.

9. Was hat sie an diesem Verhandlungsverfahren besonders angesprochen?

Wichtig finde ich bei einer Mediation die Strukturierung des Gesprächs. In einer aufgeheizten Stimmung, die Konflikte in einer Beziehung mit sich bringen, ist dies sehr schwer möglich. Weiters sitzt ein Dritter dabei, in dessen Gegenwart man sich einfach geniert, sich wechselseitig zu beschimpfen. Der dritte Punkt ist ein psychologisches Grundverständnis seitens der Mediatoren, welches dazu führt, daß die eine oder andere vernünftige Sache zu Ehekonflikten, Eltern-Kind-Problemen gesagt wird.

10. Welche Befürchtungen hatten Sie, bevor Sie sich auf dieses Verfahren eingelassen haben?

Ich hatte keine Befürchtungen. Ich habe mir gedacht, nutzt es nicht, so schadet es auch nicht. Ich schau mir das einmal an, wenn es schief geht, dann wird es sowieso auch andere Möglichkeiten geben.

11. Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach der Mediator?

Der Mediator spielt eine wichtige Rolle. Er kommt in eine aufgeheizte Stimmung hinein, und muß sehr aufpassen, nicht zwischen den Fronten zerrieben zu werden. Er darf auch nicht in den Verdacht kommen, der einen oder anderen Seite zu helfen. Der Mediator muß versuchen, eine gewisse Autorität einzubringen, ohne sich auf die Streitebene einzulassen. Also nicht unkompliziert, stelle ich mir vor. Wenn man juristische und psychologische Aspekte bedenkt, sollte sich der Mediator im psychologischen Bereich besser auskennen als im juristischen, damit er nicht in die Dynamik der Konfliktparteien hineingezogen wird, denn dann fällt er als "Schiedsrichter" quasi aus.

Das ist also auch eine zentrale Eigenschaft eines Mediators?

Ja.

12. Welche Eigenschaften muß ein Mediator Ihrer Meinung nach unbedingt noch besitzen, um glaubwürdig zu sein?

Er muß neutral sein, eine gewisse Autorität vermitteln, muß Kompetenz in psychologischer Hinsicht vermitteln, und er muß ein Gespräch strukturieren können.

13. Wie sind Ihre Erfahrungen mit Mediation, nachdem Sie selbst an einer solchen teilgenommen haben?

Wie gesagt, ich habe nur einmal eine Mediation gefilmt (im 97er Jahr), wo das Resultat erstaunlich war. Damals hat es offensichtlich auch eine verhärtete Ehescheidungssituation gegeben, die durch die Mediation so bewältigt werden konnte, daß die betroffenen Ex-Partner eine einvernehmliche Scheidung zusammengebracht haben.

14. Sind Sie mit dem Ergebnis ihrer Mediation zufrieden?

Ja. Mit dem, was wir inhaltlich in der Mediation vereinbart haben, sind wir zu unseren Anwälten gegangen. Die Anwälte haben die Vereinbarungen in ein juristisch formuliertes Papier gegossen, dieses juristisch formulierte Papier war die Grundlage für die einvernehmliche Scheidung.

15. Wie standen ihre Rechtsanwälte zur Mediation?

Beide Anwälte sehr positiv, glaube ich. Der Anwalt von Karin hat die Mediatoren vermittelt. Ich glaube, daß mein Anwalt das auch ok gefunden hat, weil er ein gemeinsamer Freund von Karin und von mir ist. Er war ganz stark daran interessiert, daß wir uns nicht gegenseitig zerfleischen.

16. Aus welchen Gründen würden Sie diese Form der Verhandlung weiterempfehlen?

Ich muß zur Einleitung sagen, daß ich eher skeptisch bin, was meine Einstellung zu Psychotherapie und zu solchen Dingen betrifft. Ich bin nicht wirklich jemand, der sich gern auf die Couch legt oder ähnliches. Es war vielmehr das erste Mal, daß ich in so einer Situation war bzw. einen Psychologen überhaupt aufgesucht habe, mit dem ich über meine inneren Befindlichkeiten geredet habe. Um zu vermeiden, daß das Ganze in einen Krieg ausartet, habe ich es schlicht und einfach ausprobiert. Es war der Versuch, den Kindern irgendwelche Begutachtungen durch Psychologen und jahrelange Auseinandersetzungen durch die Eltern zu ersparen. Aus meiner Sicht hat der Versuch funktioniert.

17. Haben Ihre Kinder eine besondere Rolle in der Mediation gespielt?

Die Kinder haben in Wirklichkeit die Hauptrolle gespielt. Ich glaube, es ist nicht so sehr um das Finanzielle gegangen. Das war in Wirklichkeit relativ rasch erledigt. Es ist uns bei dieser Geschichte immer darum gegangen, daß wir eine Lösung finden, wo wir beide die Vater- und Mutterrolle weiter wahrnehmen können. Wir wollten vermeiden, daß es einen Sieger oder Verlierer gibt. Wir wollte auch vermeiden, daß einer von uns in eine Onkel- oder Tantenrolle abgedrängt wird. Wir wollten auch nicht, daß die Kinder unsere Trennung als kriegerische Auseinandersetzung erleben. Das haben wir auch weitgehend geschafft. Die Kinder sind für Scheidungskinder ganz gut beinander, glaube ich.

18. Wo sind Ihrer Meinung nach die Grenzen eines Mediationsverfahren bzw. was kann Ihrer Meinung nach ein Mediationsverfahren nicht?

Mediation kann zu nichts zwingen. Man hofft letztendlich darauf, daß die beiden Streitparteien sozusagen zur ”Vernunft” kommen und sich dann selber zu einer Lösung durchringen. Leicht fällt es niemandem, aber es ist quasi der Versuch einer Überzeugungsarbeit ohne Zwangs,- Befehls- oder Gewaltmaßnahmen.

19. Wie war das Setting?

Die Mediatoren waren ein Ehepaar, beide sind psychologisch geschult. Sie haben die Gespräche sehr gut strukturiert, haben auch sehr gut getrennt zwischen Inhalten und psychologischen Hintergründen. Die Mediatoren haben nie den Eindruck vermittelt, für oder gegen die eine Seite zu agieren. Sie waren, glaube ich, sehr stark lösungsorientiert. Die Mediation hat sich über einen Zeitraum von 2-3 Monaten hingestreckt, da es immer wieder Terminprobleme gegeben hat. Es hat immer so kleine Hausaufgaben gegebenen, wo man sich irgendwelche Sachen überlegen sollte, die manchmal lösungsorientiert waren, manchmal nur dazu dienten, das Klima der Sitzungen positiv zu beeinflussen. Eine Aufgabe war folgende: Nennen Sie 3 Sachen, die sie trotz aller Probleme am anderen noch immer ok. finden.

20. Nach welchen Kriterien haben sie die Auswahl des Mediatorenteams getroffen?

Es war so, daß der Vorschlag zur Mediation von mir gekommen ist, Karin hat das mit ihrem Anwalt besprochen, dieser hat das ok. gefunden und hat wiederum zwei sehr professionelle Mediatoren gekannt. Ich habe eingewilligt. Die Mediatoren haben sehr seriös und kompetent gewirkt, sie waren absolut vertrauenswürdig, was uns ja auch wichtig war, weil es ja mediale Begleiterscheinungen gegeben hat. Wir wollten nicht, daß etwas durchsickert.

21. Wie sehen Sie die Rolle des Mannes bezüglich Kindesunterhalt und Obsorge im heutigen Rechtssystem?

Ich glaube, daß es in den meisten Fällen tatsächlich so ist, daß die Mutter die alleinige Erziehungsarbeit leistet und daß die Väter in 80 oder 90% der Fälle - sage ich jetzt einmal - einem traditionellen Rollenbild verhaftet sind. In diesem Fall erübrigt sich die gemeinsame Obsorge. Nur glaube ich, daß sich in den letzten Jahren einiges getan hat. Es gibt immer mehr Väter, die tatsächlich vom Haushalt bis zur Kindererziehung mehr Verantwortung übernommen haben. Genau für Paare mit dieser Einstellung ist die momentane gesetzliche Regelung nicht so optimal, weil sie schlicht und einfach heißt: alles oder nichts. Einer bekommt das Kind - in der Regel die Muutter, der andere wird automatisch in die Rolle des Onkels zurückgedrängt, weil er 1 Mal in der Woche sein Besuchsrecht hat. Ein Lehrer am Elternsprechtag könnte theoretisch die Auskunft verweigern, weil er nicht erziehungsberechtigt ist. Wenn das Kind ins Spital muß, dürften die Ärzte, meinem juristischen Wissensstand nach, keine Auskunft geben, was mit dem Kind passiert ist. Wie gesagt: in 80 bis 90% der Fälle stellt sich die Frage nicht, weil es den Vater vielleicht eh nicht interessiert oder weil er andere Interessen hat und die Mutter die Angelegenheiten in die Hand nimmt. Ich halte es aber für ein bißchen ärgerlich, daß es in den raren Fällen, wo sich Leute wirklich zusammenstreiten und sich darauf einigen, daß sie die gemeinsame Obsorge wollen, diese vom Gesetz her nicht vorgesehen ist. Das ist aus meiner Sicht gesehen ein bißchen unfair.

22. Warum glauben Sie, daß es gerade bei Scheidungen zu Eskalationen sprich ”Rosenkrieg” kommen kann?

Weil doch sehr intime Geschichten eine Rolle spielen, irgendwie werden sehr tiefe Gefühle, wie Liebe, verletzter Stolz, verletzte Eitelkeit, enttäuschte Liebe, oder Eifersucht berührt. Wie man ja aus der Weltliteratur weiß, können diese Gefühle schon zu heftigen Gefühlswallungen führen.

23. Was raten Sie Personen, die vor einem Konflikt, einer Trennung oder einer Scheidung stehen?

Ich denke mir, Variation Nr. 1 wäre, miteinander reden und schauen, ob man irgendwie auf einen grünen Zweig oder einen gemeinsamen Nenner kommt. Schritt Nr. 2, wenn es wirkliche Freunde gibt, die man in so etwas einbinden kann, ohne daß die Freundschaft daran zerbricht. Schritt Nr. 3 wäre, jemanden Außenstehenden zu finden, der als Konfliktvermittler tätig wird, indem er schaut, ob man noch am grünen Tisch zu einer Lösung kommt. In diesem Fall zahlt man dann 10 oder 11 Mal jeder einen Tausender, oder ein bißchen mehr, kommt in Summe - wenn das gelingt -weitaus billiger, als bei einer streitigen Scheidung. Außerdem erspart man sich viele Probleme, viel Seelenschmerz, man erspart den Kindern wahrscheinlich einiges, die bei diesem Konflikt ja auch mitleiden. Es ist mir schon klar, daß für Kinder eine Trennung insgesamt nicht lustig ist. Trotzdem glaube ich, erspart man sich, dem Partner und den Kindern einiges, wenn man zumindest versucht, bevor man die Mühlen der Justiz bemüht, zu einer Konfliktregelung oder Konfliktverminderung zu kommen.

Vielen Dank für dieses Gespräch.